Auszeit
Das geheime Treffen
In der Nacht von Montag auf Dienstag fuhr ich mit meinem Auto an der Donau Arena vorbei. Es war bitter kalt und der Regen peitschte an meine Scheibe. Der Sturm wirbelte Herbstlaub auf und ließ mich selbst auf dem warmen Fahrersitz frösteln. Plötzlich hörte ich einen lauten Knall und heller Rauch kam aus der Motorhaube hervor. Das Gaspedal reagierte nicht mehr und vor lauter Schreck stieg ich heftig auf die Bremse.
Das Auto kam langsam zum Stehen und ich überlegte fieberhaft, was ich nun tun konnte. Wie immer hatte ich mein Handy daheim vergessen, so dass ich auf keinerlei Hilfe hoffen durfte. Ich stieg aus dem Auto und stellte mich unters Vordach der Donau Arena. Drinnen brannte das Notlicht und aus welchem Grund auch immer versuchte ich, eine Eingangstür zu öffnen. Zu meinem Erstaunen gab diese nach und ich fand mich schnell im klimatisierten Kabinengang wieder.
Irgendwie wurde nun meine Abenteuerlust geweckt und ich wagte einen Blick in die Hauptarena. Alles war leer und totenstill.
Als plötzlich und ohne Vorwarnung das Flutlicht anging, begann mein Herz rasend schnell zu schlagen. Ich kauerte mich in Windes eile auf den Boden und gab keinen Laut mehr von mir. Was zum Teufel ist hier los?
Nachdem ich mich vom ersten Schrecken erholt hatte, kletterte ich über den Betonvorsprung und versteckte mich zwischen den Sitzplätzen. Aus den Kabinen drang nun ein Höllenlärm und entgegen jeglicher Vernunft riskierte ich einen Blick auf die Eisfläche. Woher kamen bloß diese vielen Geräusche?
Schon im nächsten Augenblick merkte ich, dass ich hier in dieser Nacht nicht allein war. Ein Eishockeyspieler mit der Nummer 27 kam in mein Sichtfeld und betrat die Eisfläche. Aufgrund meiner Angst prägte sich diese Ziffer sofort in mein Gedächtnis. Nach wenigen eleganten Schritten erkannte ich Martin Ancicka. Er schien sich in ausgelassener Stimmung zu befinden und genoss wohl das Gefühl, an seine alte Wirkungsstätte zurückgekehrt zu sein.
Abrupt bremste er ab und stellte sich vor die Spielerbänke. Bestimmt hatte er mich entdeckt. Zu meinem Erstaunen fokussierten seine Augen jedoch nicht mich, sondern verharrten ausschließlich in Richtung der Kabinen: „Auf geht`s Jungs, bevor es hell wird. Nicht, dass uns noch einer erwischt. Ervin, vergiss die Pucks nicht“ sagte er.
Ein leises Murren war zu vernehmen, ehe es mit der Ruhe endgültig vorbei war.
In den nächsten Minuten betraten geschätzte zwanzig Spieler die Eisfläche. Ich wünschte, ich hätte diesen Augenblick mit jemandem teilen können, denn alle Spieler gehörten zum Besten, was das Regensburger Eishockey in seiner Geschichte erleben durfte.
„Wo bleibt der Rest?“ schrie Sergej Schendelev.
„Ach, der Tom kommt gleich, der macht in seinem Sportshop noch die Abrechnung“ antwortete Jiri Lala.
„Unpünktlichkeit hätte es bei uns in der DEL damals nicht gegeben“ sagte Jason Miller mit einem Lachen im Gesicht.
„Keeeeenny Petrash, Keeeeenny Petrash, Keeeeenny Petrash, Du bist der beste Mann“ schrie Tracey Katelnikoff. Auch John Samanski konnte sich nun nicht mehr zurückhalten: „Jiri Lala, Eishockeygott!!!“.
Erich Kühnhackl und Jiri Ehrenberger nahmen fast unbemerkt hinter der Bande Platz. „Patrick, nicht so viel tanzen, lass dich lieber vom Enrico einschießen. Wenn Christian Helber und Franz Spornraft endlich da wären, könnten wir schon starten. Cavy und Reinhard teilen sich das andere Tor, sind schließlich nicht mehr die Jüngsten. Der andere Jiri, der Cmunt, schießt die Goalies ein.“ Erich hatte ein Machtwort gesprochen und die Spieler parierten wie zu besten Zeiten.
„David, du gehst zum Eröffnungsbully und legst dann zum Petr ab. Wir zeigen den Jungs jetzt mal, dass in Osteuropa das beste Eishockey gespielt wird.“ hielt Jiri Ehrenberger dagegen.
Mark Woolf konnte darüber nur müde lächeln. Schließlich hatte er großes Vertrauen in seine Sturmpartner Bobby Crawford und Tom St. James. Jason Phillips wollte lieber mit „Magic“ Mike Martens und seinem Namensvetter Miller in die zweite Formation. Alois Stauder und Achim Sipmeier waren in der dritten Reihe eher für`s Grobe zuständig.
„Wir legen jetzt einfach los, die anderen haben sich bestimmt auch bald umgezogen“ unterbrach Layne Le Bel unsanft die Ruhe.
Jiri Ehrenberger nahm postwendend seine Taktiktafel zur Hand. „Marian, du spielst mit Martin, dann haben wir gleich unsere DEL-Abwehr zusammen. Da kommen die alten Kanadier sowieso nicht mehr durch. Ohne den Schnee und den Regen aus dem Freiluftstadion sind das sowieso schlechte Bedingungen für sie.“
„Die Ehrenbergertruppe spiele selbst ich noch im Schlaf aus!“ tönte Flori Curth. „Doppelpass mit Günther Dörfler und Don Gook inklusive!“
„Und ohne mich ist der Martin doch nur halb so gut“ gab ihm Teamkollege Alex Dotzler recht.
Die beiden Flache-Brüder nahmen erstmal auf der Strafbank Platz. „Lange sitzen wir hier eh nicht allein. Der Paule und der Dörfler Andi sind bestimmt auch bald hier.“
„Seid froh, dass ihr einen Feuerwehrmann in euren Reihen habt, denn gleich gibt`s Alarm!“ eröffnete Miro Lazo prompt die nächste Stichelei.
„Pass nur auf, dass dich der Schinken nicht überrollt“, drohte Jan Schinköthe zurück.
Jiri Ehrenberger wurde das Spektakel nun endgültig zu bunt: „Ruhe! Egal wer noch in der Kabine ist, das Spiel beginnt jetzt! Zdenek, wirf die Scheibe ein und lass dich nicht gleich vom Muhlo überrennen!“
Auch Erich Kühnhackl gab letzte Anweisungen: Wir starten mit der dritten Reihe. Shawn, du machst den Center und Clayton rückt auf Außen. Josh, denk bitte dran, hinten den Puck nicht zu vertändeln und lasst den Peter Gulda nicht zum Schuss kommen.“
Die Scheibe wurde eingeworfen und das Spiel wog hin und her. Ich konnte nicht anders und richtete mich auf, um dieses einmalige Ereignis verfolgen zu können. Nach knapp drei Minuten bliesen Jiri Ehrenberger und Erich Kühnhackl beinahe gleichzeitig in ihre Pfeifen.
Der deutsche Eishockeyspieler des Jahrhunderts erhob das Wort: „Die Nachzügler haben sich endlich umgezogen. Wir fangen einfach nochmal von vorne an. Da ich ein alter Freund von Niederbayern bin, kommen Daffi und Seppi zu mir ins Team. John Sicinski und Jeff White gehen zum Jiri. Der kann schließlich frisches Blut gebrauchen mit seinen Altstars. Sven bleibt bei uns hinter der Bande. Wenn Not am Mann ist, dann ziehen wir Drei uns vielleicht auch noch mal mit um. Wie vereinbart bekommt das Gewinnerteam Freikarten für das Riessersee-Spiel am Sonntag. Auf geht`s Burschen, lasst uns die Insel der Glückseligkeit zu neuem Leben erwecken!!!“
Auch mein Wecker läutete nun.
…ich drückte auf das blöde Teil.
Oh Mann, heute war ja eh Sonntag, da konnte ich ja weiterschlafen. Kurze Zeit später fand ich mich in der Donau Arena wieder. Nach meiner Uhr war die erste Trainingsstunde bereits abgelaufen und viele Spieler machten einen müden Eindruck.
Unten hämmerte plötzlich jemand gegen das Plexiglas. Jörn Seuthe wollte scheinbar mit aller Gewalt auf die Eisfläche: „Runter jetzt. Das geht sonst alles von unserer Trainingsstunde ab.“
Erich Kühnhackl hatte ein Einsehen und holte die Spieler an die Bande: „Genug für heute. Wir treffen uns dann nächste Woche wieder. Wer in der ersten und wer in der zweiten Stunde ran muss, gebe ich Euch noch per Mail bekannt. Gut trainiert Jungs, auch wenn mancher Schlagschuss schon ein wenig an Kraft eingebüßt hat. Die Goalies werden sich dafür bestimmt gefreut haben.“
Die Spieler verließen die Fläche und Jörn Seuthe war im nächsten Moment schon beim warm machen.
„Hey Jörn, heute nicht so viel checken, wir brauchen jeden Mann für das Freundschaftsspiel gegen die Forumsuser“ hörte ich Toni Paulus von der Bande schreien. Langsam kam auch der Rest aus den Kabinen.
Der verrückte Fabian Dahlem zog bereits seine Kreise und verwickelte sich in einen Plausch mit Martin Brunner: „Haben wir heute nur drei Goalies? Der Turba Stefan ist zwar noch draußen, aber den Mats habe ich bisher nicht gesehen.“
„Alter Schwede“ antwortete Martin Brunner. „Aber des kann schon sein. Der Kristoffer ist nämlich auch zu Hause geblieben. Die Beiden haben doch eine Fahrgemeinschaft. Mich wundert`s nur, dass Daniel Ström und Andreas Moborg trotzdem da sind. Naja, uns soll´s recht sein. Fred Ledlin spielt heute auch mit, weil Ignaz Berndaner das Training leiten will.“
Dieser ergriff auch gleich das Wort: „So Leute, ich begrüße Euch zu unserem heutigen Training. Gerade habt Ihr gesehen, wie man es nicht machen sollte.“ Ignaz Berndaner blinzelte kurz schelmisch zu Jiri Ehrenberger hinüber. „Ich will vollen Einsatz sehen. Vaclav Mandous, Martin Ekrt und der unaussprechliche Andrej Mikhailou bilden den ersten Sturm. Mit Miroslav Mach und Petr Hruby wird durch gewechselt. Geht leider nicht anders, weil der Eric und der Frantisek heute keine Lust hatten. Vielleicht kommt German Wolgin noch nach. Wladimir Reschetnikow hat dafür regulär abgesagt, weil ihn sein Vater nicht herfahren konnte. In der Verteidigung bauen Alex Herdt, Karel Beran und Horst Hans das Spiel auf. Toni, hast du noch was zu sagen?“
„Ja, auch von mir ein herzliches Grüß Gott. Also die Reihen sind bei uns eigentlich auch klar. Fred Ledlin führt die erste Formation und stört früh. Walter Glattenbacher und Frank Hirtreiter lassen sich ein wenig zurückfallen. Schnelles Wechseln nicht vergessen. Layne Roland, Tobin Praznik und Perry Neufeld haben sich schließlich nicht umsonst umgezogen. Mark McGregor und Ken Filgis springen nur im Notfall ein. Pavel Novak ist erkältet und fehlt auch. Die Kapitäne beider Mannschaften nochmal kurz zu mir!“
Oliver Hecht und Günter Eisenhut machten sich auf den Weg.
„Ich will heute ein flottes Spiel sehen, sagt das nochmal euren Mannschaftskameraden. Wer mich nicht überzeugt, muss nächste Woche beim Peter Draisaitl trainieren, damit das klar ist.“
Vom Spiel bekam ich leider nichts mehr mit, da ich nun endgültig wach wurde. Viele weitere gute Akteure aus der langen Regensburger Eishockeygeschichte habe ich in meinem Traum leider noch vermisst. Einen ganz besonders, denn der große John Spoltore wird immer in meinem Herzen bleiben.
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