Auszeit
Das EVR-Spiel
Nach langem Zögern habe ich mir letzte Woche endlich einen neuen Nintendo DS gekauft. Beim angebotenen Kombipack gab es nämlich das Clubspiel „EV Regensburg“ als Gratisgeschenk mit dazu, was meine Entscheidung natürlich sehr erleichterte.
Ich legte also das Spiel ein und freute mich schon auf meine virtuelle Managertätigkeit beim EV Regensburg. In der leichten Schwierigkeitsstufe startet der EV Regensburg nur mit 100 000 Euro Schulden in die Saison, in der Mittleren mit 500 000 Euro und in der schweren sogar mit 1 000 000 Euro.
Ich entschied mich für die leichte Variante und wählte als Startliga die 2. Bundesliga aus. Nachdem ich schnell die Eigengewächse in die unteren Ligen abgeschoben hatte und aus Ervin Masek, Niklas Hede, Jason Miller, Martin Ancicka und Marian Bazany meine neue erste Reihe zusammenstellte, stieg der Schuldenstand bereits auf 250 000 Euro. Marc Cavallin machte schließlich die 300 000 Euro perfekt.
Ich dachte mir nichts dabei, denn durch gute Zuschauerzahlen würde ich schon wieder in die Gewinnzone rutschen. Nach einigen Spielen wurde der Druck allerdings höher. Ich stand nur auf dem 12. Tabellenplatz und der Ruf nach Verstärkungen wurde lauter. Ich feuerte erstmal den Trainer und hoffte auf eine Initialzündung. Dem Budget tat dies aber nicht gut, denn nachdem ich erfreulicherweise die ersten 100 000 Euro bereits getilgt hatte, stieg der Schuldenstand nun wieder auf 250 000 Euro an.
Leider dümpelte das Team weiter dahin. Ich kaufte mir noch drei Kracher aus der DEL, die mich auf 500 000 Euro in die Miese schoben. Meine Mannschaft kämpfte sich zwar letztlich noch auf Platz neun vor, doch zur Zeit der Spielentwicklung gab es leider noch keine PrePlayoffs und die Saison war schlagartig vorbei.
Die folgenden Woche stellten mich auf eine harte Probe. Es fehlte plötzlich an allen Ecken und Enden. Ich beschwichtigte das verärgerte Publikum und wollte nochmals nachrüsten. Die Bank gab mir allerdings keinen Kredit mehr und auch die Sponsoren kündigten reihenweise ihre Verträge.
Mein Touchscreen glühte bereits und der Bedienstift (heutzutage Stylus genannt) fuhr von einer Ecke in die andere.
Plötzlich flatterten noch viele weitere Rechnungen ins Haus. Lauter Dinge, an die ich überhaupt nicht gedacht hatte. Kaputte Plexiglasscheiben, Eismaschinenwartung, Leihwagenabrechungen, Buskosten etc.
Auch die Donau Arena machte mir Sorgen, denn die Sitze mussten gereinigt werden und sogar die Lautsprecher hatten schon bessere Zeiten erlebt.
Mein Schuldenstand wuchs nun gar auf 800 000 Euro und die letzen Spielergehälter blieb ich erstmal schuldig. Der schlimme Sommer brachte keine Einnahmen und als ich nun die ersten virtuellen Mahnungen erhielt, kam ich schon ein wenig ins Schwitzen.
Alle hatten so viele Hoffnungen in mich gesetzt, doch nun entwickelte ich mich zum schwarzen Mann. Es half nichts, ich musste die Notbremse ziehen. Ich drückte auf den Power-Knopf, pustete erstmal kräftig durch und startete ein neues Spiel.
Die schlimmen Dinge ließ ich hinter mir und die vorangegangenen Unnahnehmlichkeiten hatte ich schnell verdrängt. Ich speicherte das Spiel unter „2. Versuch“ ab und startete diesmal in der Landesliga.
Mühselig tippte ich fast alle aktuellen EVR-Spieler ein, da das System ja nur die Vollprofis erkannte. Ich programmierte noch die individuellen Stärken und war überrascht, wie günstig ich diesmal beim Kaderetat wegkam.
Die Saison lief auch ganz gut und durch meine vielen Zuschauereinnahmen konnte ich plötzlich ein deutliches Plus auf dem Bankkonto verzeichnen. Der Spielspaß wuchs von Minute zu Minute und ich himmelte meinen Nintendo förmlich an. Bei allen Umfragen wurde ich zum Manager des Monats gewählt.
Sogar der Aufstieg in die Bayernliga gelang mir und das Publikum hatte mich unabdingbar ins Herz geschlossen. In der Bayernliga trat mein Team dann aber weit weniger souverän auf. Die Zuschauer waren zwar nicht gänzlich unzufrieden, doch sie wollten trotzdem Verstärkungen sehen. Mein Ansehen sank ein wenig, aber ich beugte vor. Ich tätigte schließlich einige verhältnismäßig günstige Nachkäufe und rutschte auf den letzten Drücker sogar noch in die Playoffs.
Das Publikum war nun wieder richtig begeistert und ich hatte mein persönliches Saisonziel erreicht. Alles weitere würde nur der Zugabe dienen. Letztlich belegten wir den dritten Platz und ich wurde wegen unbekannter Umstände sogar gefragt, ob ich in die Oberliga aufsteigen möchte.
Zuerst konnte ich mein Glück kaum fassen. Endlich hatte ich den EVR ins Profigeschäfte zurückgeführt. Die erste Euphorie wich aber dann doch der Sorge. Im nächsten Moment kam mir wieder mein erstes Spiel in den Sinn.
Die finanzielle Belastung würde in der Oberliga sicherlich größer werden, da ich mehrmals auf dem Transfermarkt zuschlagen müsste. Ich bin meinem Publikum schließlich erfolgreiches Eishockey schuldig und würde das Unterfangen nur mit einer konkurrenzfähigen Mannschaft wagen wollen. Die Gefahr, wieder in die Schuldenfalle zu geraten, war dadurch allerdings entsprechend groß, zumal ich die Lautsprecher der Donau Arena auf jeden Fall reparieren müsste.
Andererseits bekommt man in einer Vereinsgeschichte nicht oft die Chance zu einem Aufstieg und die Qualität des Eishockeys würde durch diesen deutlich steigen. Viele bekannte Spieler könnten wieder für den EVR auflaufen und die Liga sollte attraktiv werden. Der Zuschauerschnitt wird im Erfolgsfall weiter steigen und auch die Sponsoren werden dann glücklich sein. Aber was passiert, wenn ich versage? Kurz erwischte ich mich dabei, wie ich auf den Powerknopf blickte. Einen „3. Versuch“ werde ich nicht wagen, soviel stand fest.
Meine Unsicherheit konnte ich förmlich spüren. Ich hatte schon viereckige Augen und brauchte eine Pause. Erstmal zwischenspeichern und nichts überstürzen. Ich schaltete das Gerät aus und werde in den nächsten Tagen eine endgültige Entscheidung fällen.
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